015. Carl-Wolfgang Holzapfel und Rudolf Heß

Carl-Wolfgang Holzapfel und Rudolf Heß

Vereinigung 17. Juni (aus: Die verdrängte Revolution)

Wie stark die Vereinigung in neofaschistisches und rechtsextremes Fahrwasser geraten war, zeigte sich auch im April 1973. Eine Linienmaschine von Stuttgart nach Berlin sollte angeblich von neun Männern und einer Frau nach Moskau entführt werden, um die Freilassung von Rudolf Heß, der in Berlin-Spandau in einer Haftanstalt der Alliierten einsaß, freizupressen.302 Die “rechtsradikale Gruppe”303 soll 18 Kilogramm Sprengstoff besessen haben, der im Falle des Misslingens notfalls eingesetzt werden sollte. Laut Zeitungsberichten ist es dazu nicht gekommen, weil ein Mitglied dieser Gruppe, der Funktionär der Vereinigung Carl-Wolfgang Holzapfel (geb. 1944), einen Sprengstoffanschlag ablehnte und deshalb den Plan der Polizei meldete. Er ist nach einem kurzen Aufenthalt in einer Untersuchungshaftanstalt wieder auf freien Fuß gesetzt worden, weil er das geplante Verbrechen freiwillig aufgab (§ 49a StGB).304 Später ist Holzapfel wegen Vortäuschung einer Straftat zu einer Geldstrafe verurteilt worden, weil es die Gruppe offenbar gar nicht gegeben und er wahrscheinlich allein diesen Plan entwickelt hatte.305 Das hielt Holzapfel nicht davon ab, wenige Monate später vor dem Spandauer Gefängnis mit seinem Vater zu erscheinen, um sich aus Protest gegen die andauernde Inhaftierung des einstigen Hitler-Stellvertreters selbst zu verbrennen. Zwei mitgeführte Benzinkanister unterstrichen seine Absicht.306 Sein Vater alarmierte die Polizei, die das Vorhaben verhinderte. Bei seiner Festnahme beleidigte er einen Polizisten “Gestapo-Methoden” und ist dafür erneut zu einer Geldstrafe, ersatzweise 15 Tage Ordnungshaft, verurteilt worden. Bei der Gerichtsverhandlung trug er eine Plakette, auf der stand: “Lasst Heß frei!”307 Holzapfel wusste sich mit seinen Aktionen für Rudolf Heß nicht allein. Berthold Rubin publizierte im Januar 1979 einen Artikel, der den Titel trug: “Das Verbrechen an Rudolf Heß. Wenn sich Rachsucht mit Dummheit paart”.308

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302 SZ v. 24.4.1973; Welt am Sonntag v. 22.4.1973; Die Welt v. 24.4.1973; BZ v. 24.4.1973.
303 FAZ v. 24.4.1973.
304 Berliner Morgenpost v. 27.4.1973; ebenda v. 26.4.1973; ebenda v. 25.4.1973; Die Welt v. 26.4.1973; Stuttgarter Zeitung v. 26.4.1973.
305 Die Welt v. 4.10.1976.
306 Berliner Morgenpost v. 26.9.1976; BZ v. 27.9.1976
307 Bild-Zeitung v. 13.10.1977.
308 In: National-Zeitung v. 12.1.1979, S. 3.


Korrekturzettel – Errata zum Buch “Die verdrängte Revolution, Der Platz des 17.Juni 1953 in der deutschen Geschichte” von Bernd Eisenfeld, Ilko-Sascha Kowalczuk, Ehrhart Neubert, Verlag: Edition Temmen, 1.  Auflage 2004.

Die Autoren danken Herrn Holzapfel für nachfolgende Hinweise:

Seite 571, 2. Absatz:

“Später ist Holzapfel wegen Vortäuschung einer Straftat zu einer Geldstrafe verurteilt worden, weil es die Gruppe offenbar gar nicht gegeben und er wahrscheinlich allein diesen Plan entwickelt hatte”. Die Autoren stellen richtig: Herr Holzapfel ist in dieser Sache weder zu einer Geldstrafe noch anderweitig verurteilt worden. Quelle des Korrekturzettels: http://www.17juni1953.de/korerata.htm ist nicht mehr auffindbar.


Die verdrängte Revolution, S. 561-575, Text

Die verdrängte Revolution, Der Platz des 17. Juni 1953 in der deutschen Geschichte

von Bernd Eisenfeld, Ilko-Sascha Kowalczuk, Ehrhart Neubert
Verlag: Edition Temmen, 1. Auflage 2004

Vom »Komitee 17. Juni« zur »Vereinigung 17. Juni«

Auch nach der Zerschlagung des Komitees versuchte die Staatssicherheit, Friedrich Schorn weiterhin im Visier zu behalten. Vor allem die Eltern von Schorns Ehefrau dienten dabei als Kontaktpersonen. Diese fuhren noch nach der Auflösung des Komitees nach West-Berlin und bemühten sich vergeblich, ihre Tochter zur Rückkehr in die DDR zu bewegen. Liselotte Schorn zeigte daran wenig Interesse und verband eine eventuelle Rückkehr mit der Forderung, dass auch ihr Mann sie begleiten dürfe und dabei straffrei ausgehen müsse. Nicht nur die Staatssicherheit lehnte dieses Ansinnen ab, auch Friedrich Schorn hegte keine Rückkehrwünsche.

Diese Bemühungen seitens der Staatssicherheit endeten erfolglos. Zudem scheint für mehrere Jahre der einstige »Hauptfeind« Friedrich Schorn aus dem Blick der ostdeutschen Geheimpolizei geraten zu sein. Dafür sind mehrere Erklärungen möglich. So könnte Schorn seine politischen Aktivitäten gegen die DDR eingestellt und deshalb die Staatssicherheit das operative Interesse an seiner Person verloren haben. Durch die Komiteeauflösung veränderten sich die Strukturen in West-Berlin, sodass die Staatssicherheit keine Gewährsleute in Schorns Umfeld platzieren konnte. Ohnehin waren die wichtigsten Agenten nach der erfolgreichen Operation ausgefallen bzw. im »Operationsgebiet« nicht mehr einsetzbar. Auch Arbeitsüberlastung der Staatssicherheit, die sich auf sehr viele »Feindorganisationen« konzentrierte und der deshalb die operativ weniger bedeutungsvollen Personen und Personenzusammenhänge aus dem Blick gerieten, könnte eine weitere Erklärung sein. Wahrscheinlich ist, dass diese und mehrere Entwicklungen zusammenkamen und deshalb Schorn einige Jahre nicht mehr Gegenstand operativer Ermittlungen und aktiver Zersetzungsarbeit war.

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255 Zit. nach: Mitter; Wolle: Untergang auf Raten (Anm. 23), S. 154.

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Durch die Zerschlagung des Komitees hatten die geflüchteten Teilnehmer des Volksaufstandes ihren institutionellen Zusammenhalt verloren, den das Komitee bieten wollte. Einige Jahre später unternahmen mehrere Aufstandsteilnehmer erneut einen Versuch, eine Organisation zu gründen, die dem Geist des »17. Juni« verpflichtet sei. Am 15. August 1957 konstituierte sich die »Vereinigung 17. Juni 1953« in West-Berlin.256 Sie begriff sich als Nachfolgeorganisation des »Komitees 17. Juni«. Für diese Kontinuität stand vor allem eine Person: Friedrich Schorn. Er wurde zum l. Vorsitzenden gewählt.

Die Satzung beschrieb »Zweck und Aufgaben« der Vereinigung: »l. Der Verein bezweckt die Zusammenfassung der aktiven Teilnehmer am Volksaufstand des 17. Juni 1953. 2. Die Vereinigung hat die Aufgabe, den Willen aller Deutschen zur Wiedervereinigung wach zu halten und zu stärken, bis die Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit erreicht ist.«257 Prinzipiell sei die Vereinigung überparteilich. Mitglied könne jeder werden, der »für die freiheitlich-demokratische Grundordnung« eintrete.258 Wer gegen diese »verstößt«, wird aus der Vereinigung ausgeschlossen.259

Die Gründung der Vereinigung erfolgte ohne Aufsehen und größere öffentliche Anteilnahme. Offenbar ist auch dem MfS der Versuch, das Komitee unter einem neuen Namen wiederzubeleben, entgangen. Denn noch wenige Monate nach der Etablierung der Vereinigung kam es zur endgültigen Einstellung des Objektvorgangs, der dem Komitee galt. Im MfS besaß dieser Vorgang »keinen operativen Wert mehr«260. Aber nicht nur die Gründung der Vereinigung bemerkte das MfS offenbar nicht, ebenso scheinen auch längere Zeit die Aktivitäten der Vereinigung vom MfS nicht bemerkt worden zu sein. Allerdings kann bislang die Frage nicht beantwortet werden, ob es überhaupt nennenswerte Aktivitäten in den ersten Jahren gegeben hat.

Es könnte aber sein, dass der Staatssicherheit zunächst die Gründung der Vereinigung entging, weil in ihr außer Schorn kein weiteres Führungsmitglied an prominenter Stelle am Volksaufstand 1953 teilgenommen hatte. Zwar war die Mitgliedschaft laut Satzung an den Nachweis gebunden, aktiv am Volksaufstand teilgenommen zu haben,261 doch scheint dieser Passus in der Realität nicht sehr ernst genommen worden zu sein. Weil sich offenbar zu wenige bereit fanden, überhaupt mitzumachen, sind die Mitgliedskriterien sehr offen gehandhabt worden.

Neben Friedrich Schorn soll auch Manfred Plöckinger (1932-2002), der viele Jahre zu den Repräsentanten der Vereinigung zählte, am Aufstand in Ost-Berlin teilgenommen

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256 Das Gründungsdatum geht hervor aus der Satzung v. 18.8.1957; BStU, Mf5, ZAIG 10799, Bl. 47. Der Verein selbst gibt sein Gründungsdatum mit »3. Oktober 1957« an (www.17juni1953.de)
257 BStU, MfS, ZAIG 10799, Bl. 47.
258 Ebenda.259 Ebenda, Bl. 48.
260 MfS, BV Groß-Berlin, Abt. V/5, Beschluss v. 27.1.1958; BStU, MfS, AFO 292/82, Bd. 2, Bl. 320.
261 BStU, MfS, ZAIG 10799, Bl. 47.

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haben. Er hat dies selbst erzählt262 und auch berichtet, dass er wegen seiner Teilnahme an einer Demonstration am 17. Juni am Brandenburger Tor und weil er auf einem bekannten Foto wieder erkannt worden sei verhaftet und zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden sei.263 Als Plöckinger im Dezember 2002 verstarb, würdigte ihn der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, als »aufrechten, unbeugsamen Patrioten«, der sich am »17. Juni 1953« für Freiheit und Demokratie eingesetzt habe und dafür mehrere Jahre im Zuchthaus eingesperrt worden sei.264

Plöckinger hat tatsächlich mehrfach nach dem Krieg im Gefängnis gesessen, doch hatten diese Verurteilungen, die vor 1953 im Westen vollstreckt wurden, keine politischen Hintergründe.265 Über eine Beteiligung von Plöckinger am »17. Juni« war im MfS ebenso nichts bekannt wie sich keine Unterlagen über eine Verurteilung und Haftzeit auffinden ließen, die im Zusammenhang mit dem »17. Juni« stünden. Auf dem Foto vom 17. Juni 1953, aufgenommen am Brandenburger Tor in Berlin, soll Plöckinger zu erkennen sein.266 Eine eindeutige Identifizierung ist bislang nicht möglich gewesen. Ein Vergleich des Fotos vom 17. Juni 1953 mit einem Passfoto aus dem Jahre 1954 scheint Plöckingers Aussage, dass er dort zu sehen sei, aber eher zu bekräftigen.267

Als im Januar 1983 das ZDF einen Aufruf veröffentlichte und Zeitzeugen des »17. Juni« bat, dem Sender ihre Erlebnisse und Erfahrungen mitzuteilen,268 schrieb am 27. Januar 1983 auch Manfred Plöckinger namens der Vereinigung einen Brief. Er offerierte, Mitglieder der Vereinigung für eine Teilnahme zu gewinnen, falls dies gewünscht sei. Sich selbst bot er nicht an. Er schickte aber einen Artikel mit, »der nirgends veröffentlicht wurde«269. Dieses Manuskript stammte aus der Feder von Plöckinger.

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257 BStU, MfS, ZAIG 10799, Bl. 47.
258 Ebenda.
259 Ebenda, Bl. 48.
260 MfS, BV Groß-Berlin, Abt. V/5, Beschluss v. 27.1.1958; BStU, MfS, AFO 292/82, Bd. 2, Bl. 320.
261 BStU, MfS, ZAIG 10799, Bl. 47.
262 Das geht auch aus mehreren Vernehmungsprotokollen unterschiedlicher Personen aus den 60er Jahren hervor: BStU, M(5, AU 12714/66.
263 Im Rahmen des Schülerwettbewerbs »17. Juni 1953« der »Körber-Stiftung« hat Manfred Plöckinger dies kurz vor seinem Tod am 19.12.2002 auch einem Teilnehmer des Wettbewerbs ausfuhrlich erzählt, der Plöckingers Leben in dessen eigener Sicht ausführlich in seinem engagierten Wettbewerbsbeitrag geschildert hat. Siehe Reck, Johannes: Die wunderbaren Heuschrecken, oder eine Frage an meine Generation. Aus dem Leben des Manfred Plöckinger. Rösrath 2003 (unveröffentlichtes Manuskript der Körber-Stiftung Hamburg). Siehe auch Ders.: Manfred Plöckinger – bewegende Begegnung mit der Geschichte. In: Holzapfel, Carl-Wolfgang (Hg.): 50 Jahre »17. Juni 1953«. Spurensuche: Helden der Menschlichkeit. Berlin 2003, S. 85-97.
264 Wowereits Brief ist nachzulesen unter; www.l7junil953.de. Siehe auch Ein Held des 17. Juni ist tot. In; BZ v. 21.12.2002.
265 Exemplarisch: M(5, Bestätigung über die leitenden Funktionäre der Untergrundorganisation »Vereinigung 17. Juni 1953 e. V.«, 11.2.1966; BStU, M(S, AU 12714/66, Gerichtsakte Bd. l, Bl. 58, oder: Auskunftsbericht Plöckinger, Manfred, v. 19.9.1963; ebenda, Beiakte Bd. 5, Bl. 12 f. Als ein Mitglied der Vereinigung im Oktober 1965 vom MfS verhaftet worden ist, gab dieses an, Plöckinger sei am 17. Juni 1953 verhaftet worden und erst 1956 wieder freigekommen; ebenda, Beiakte Bd. 2, Bl. 159.
266 Vgl. Reck: Die wunderbaren Heuschrecken (Anm. 263), sowie diverse Presseartikel.
267 Das Passfoto in: BStU, MfS, G-SKS 1617, Bl. 77, 83.
268 Vgl. dazu im vorliegenden Band S. 768-772.
269 »Vereinigung 17. Juni 1953«, Manfred Plöckinger an das ZDF, 27.1.1983. Zeitgeschichtliches Forum Leipzig, Sammlung Dieter Zimmer 1983, Zeitzeugenerhebung »17. Juni 1953«, Bd. 2.

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Obwohl er in der Niederschrift seinem Helden einen anderen Namen gab »Jürgen Wichmann«, bestehen keine Zweifel, dass Plöckinger seine eigenen Erlebnisse niederschrieb.270 Er beschrieb, wie er den 16. und 17. Juni 1953 als 21-Jähriger im Zentrum Ost-Berlins beobachtend erlebte. Ohne Bruch in der Erzählung sprang der Verfasser vom 17. Juni 1953 zum Juni 1956 und erzählte, wie er nach West-Berlin flüchtete. Dann beschrieb er in pathetischen Tönen, wie er ab diesem Zeitpunkt politisch agierte und organisierte. Der unkundige Leser kann nicht erahnen, was Plöckinger genau meinte. Aufschlussreich aber ist, dass Plöckinger kein Wort von Verhaftung, Verurteilung und Haftzeit schrieb.271 Das scheint ein weiteres Indiz dafür zu sein, dass seine Verfolgungs- geschichte im Zusammenhang mit dem »17. Juni« nicht stimmt. Denn das ZDF hatte ja nicht zuletzt um solche Erlebnisse gebeten. Plöckinger erwähnte auch nicht, dass er auf dem berühmten Foto zu sehen sei.272 Auch das wäre im Zusammenhang mit der ZDF-Anfrage, die ausdrücklich auch auf Fotos abzielte, zu erwarten gewesen. Dass man Plöckinger unterstellen könnte, aus Bescheidenheit von seinem eigenen Schicksal geschwiegen zu haben, scheint angesichts des allgemeinen Charakters der erwähnten Darstellung, die er dem ZDF schickte, abwegig.

Andere Aufstandsteilnehmer, wie zum Beispiel Werner Herbig, der fünf Jahre Zuchthaus wegen seiner maßgeblichen Beteiligung am Revolutionsversuch in Görlitz erhielt und die »Arbeitsgemeinschaft 17. Juni« innerhalb der »Arbeitsgemeinschaft 13. August« mitbegründet hatte, bezweifelten ebenfalls seit den sechziger Jahren, dass Plöckinger wegen einer Aufstandsteilnahme verurteilt worden sei.273 Die »Arbeitsgemeinschaft 17. Juni« war im Gegensatz zum Kampfverband »Vereinigung 17. Juni« eine reine Interessenvertretung, die sich in Opposition zur Vereinigung gebildet und eine Reihe von Vereinigungsmitgliedern abgezogen hatte.

Plöckingers Angaben über seine Haftzeit, »nach dem >17. Juni<«, und die Haftdauer, »jahrelang«,274 sind so vage und allgemein, dass sie keine Aufschlüsse bieten. Er taucht weder in Festnahmelisten noch sonst wie in den vielfältigen Unterlagen des MfS als Haftopfer im Zusammenhang mit dem »17. Juni« auf. Es spricht nach Aktenlage nichts

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270 Das ergab unter anderem ein Vergleich dieses Manuskripts mit der auf Plöckingers u. a. Angaben beruhenden Arbeit von Reck: Die wunderbaren Heuschrecken (Anm. 263); Ders.: Manfred Plöckinger – bewegende Begegnung (Anm. 263).
271 So erwähnt er die angebliche Haftzeit auch nicht in einem Leserbrief; bei dem lediglich vermerkt ist, er sei Teilnehmer am Aufstand gewesen. Siehe Plöckinger, Manfred: Verfassungsauftrag und 17. Juni. In: Die Welt v. 16.6.1980.
272 Plöckinger, Manfred: Einigkeit und Recht und Freiheit. Zum Tag der deutschen Einheit im Jahre 1981, 15. Mai 1981 (5 Ms.). Zeitgeschichtliches Forum Leipzig, Sammlung Dieter Zimmer 1983, Zeitzeugenerhebung »17. Juni 1953«, Bd. 2.
273 Vgl. Holzapfel, Carl-Wolfgang: Vom Kampfverband zum historischen Vermächtnis. Agenda der Vereinigung 17. Juni 1953 e. V. In: Ders. (Hg.): 50 Jahre »17. Juni 1953« (Anm. 263), S. 122.
274 Neben Reck: Die wunderbaren Heuschrecken (Anm. 263); siehe u. a. auch Fragebogen: Manfred Plöckinger. Zeitzeuge des 17. Juni. In: Junge Freiheit v. 15.6.2001 sowie das Autorenverzeichnis. In; Holzapfel (Hg.); 50 Jahre »17. Juni 1953« (Anm. 263).

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dafür, dass er tatsächlich wegen einer Beteiligung am Aufstand verurteilt worden ist. Im Gefängnis hat er dennoch gesessen und zwar seit dem 21. April 1954. Am 6. Dezember 1954 verurteilte ihn das Kammergericht Ost-Berlin wegen »Wirtschaftsverbrechen« (§ l, Abs. l, Ziff. 3 und Abs. 2 WStVO) zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe.275 Ein Zusammenhang mit dem »17. Juni« kann definitiv ausgeschlossen werden. Gleichwohl könnten politische Gründe für die Verurteilung verantwortlich gewesen sein, was in »Wirtschaftsstrafsachen« häufig der Fall war. Die Urteilsschrift, die insgesamt acht weitere Mitangeklagte betraf, bietet dafür aber keine Aufschlüsse und stellt den Fall als reine »Warenverschiebung« nach West-Berlin dar.276

Anzumerken bleibt, dass Plöckinger in der Haft mehrfach mit Arrest und anderen Strafen belangt worden ist. Aus Protest initiierte er einen Hungerstreik und versuchte, Mitgefangene zur »Meuterei« wegen der schlechten Haftbedingungen zu animieren. Im Oktober 1955 ist er für kurze Zeit aus dem Gefängnis Berlin I (Berlin-Rummelsburg) ins Haftarbeitslager Stalinstadt verlegt worden, ist dort aber unmittelbar nach seiner Ankunft erneut arretiert worden. Manfred Plöckinger ist zurück nach Rummelsburg verlegt und dort bis zum 20. April 1956, dem Tage seiner Entlassung, in Einzelhaft gehalten worden. Er machte im Gefängnis kein Hehl daraus, dass er »eine feindliche Einstellung«277 gegenüber der DDR besitzt.

Die Flucht Plöckingers nach West-Berlin könnte dann motiviert gewesen sein, weil er als angeblicher Agent eines amerikanischen Geheimdienstes ins Visier des MfS geriet.278 Am 29. Mai 1956 meldete ein GM, der im Rahmen des mehrere hundert Personen umfassenden Operativen Vorganges »Unrat« zur Aufdeckung von Agentenwerbungen in der DDR angesetzt war, dass sich unter den dutzenden Neuanwerbungen auch Manfred Plöckinger befände.279 Einige Wochen danach erschien Plöckinger wiederum in einer Liste mit Personen, die sich dem MfS selbst gestellt hätten.280 Vier Jahre später, als das MfS Plöckingers Bruder unter Spionageverdacht stellte,281 hieß es über Manfred Plöckinger in einer internen Auskunft: »Die im Betreff genannte Person (Manfred Plöckinger – d. Verf.) wurde vom Residenten des amerikanischen Geheimdienstes K. angeworben und sollte Militärspionage im Gebiet der DDR durchführen. P. stellte sich Jedoch unserem Organ. Eine weitere Bearbeitung erfolgte nicht.«282 Im MfS-Schluss-

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275 Manfred Plöckinger, Strafhachrichten; BStU, MfS C-SKS 94051; MfS SK 5D-98574.
276 Stadtgericht von Groß-Berlin, Strafsenat 2a, Urteil v. 6. Dezember 1954; BStU, MfS, G-SKS 1617, Bl. 7-23.
277 BStU, M(S, G-SKS 1617, Bl. 73.
278 Suchzettel v. 30. Mai 1956; BStU, MfS, AOP 921/57, Bd. 4, Bl. 19.
279 MfS, Verwaltung Groß-Berlin, Abt. II/l, Treffbericht v. 30. Mai 1956; ebenda, Bd. 3, Bl. 280.
280 MfS, Verwaltung Groß-Berlin, Abt. II/l, Aufstellung: Personen, die sich aus dem Operativen Vorgang »Unrat« selbst gestellt haben, 17. September 1956; ebenda, Bd. 6, Bl. 123.
281 MfS, Verwaltung Groß-Berlin, HA III/l, an M(S, Verwaltung Groß-Berlin, HA II, 23. Mai 1960; ebenda, Bl.382.
282 M(5, Verwaltung Groß-Berlin, HA II, Betr. Plöckinger, Manfred, 3. Juni 1960; ebenda, Bl. 381

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Bericht zum OV »Unrat« spielte Plöckinger keine Rolle, wurde nicht einmal erwähnt. Ganz offenbar floh er sofort, nachdem er sich dem MfS gegenüber offenbart hatte nach West-Berlin.

Richard Pladeck (geb. 1928) hingegen war eines der wenigen Mitglieder der Ver- einigung, die auch schon zuvor aktiv gegen die DDR Widerstand betrieben »Deutsche Patrioten«. Am 12. August 1952 ist er deshalb zu zwölf Jahren Zuchthaus von einem Gericht in Greifswald verurteilt worden. 1956 kam er frei und flüchtete sofort in den Westen. Später warf man ihm in der Vereinigung vor, er hätte während seiner Haftzeit mit dem MfS zusammengearbeitet. Diese haltlose Anschuldigung sowie nicht geklärte Unterschlagungs- und Diebstahlsvorwürfe führten 1965 zu Richard Pladecks Ausschluss aus der Vereinigung, wobei er selbst gleichermaßen aus der Vereinigung wie dem VOS austrat.283

Die Vereinigung entwickelte zunächst weder politisches Profil noch kam sie ihrem Anspruch nahe, ein Sammelbecken für die geflüchteten Aufstandsteilnehmer zu bilden. In der Vereinigung waren 1960 rund 80 Mitglieder erfasst, von denen nur eine Minderheit eine direkte Beteiligung am »17. Juni« vorweisen konnte.284 Mitte der sechziger Jahre war die Mitgliederzahl auf 40 bis 50 zurückgegangen. Finanziell ist der Verein vom Berliner Senat unterstützt worden. Das war auch der entscheidende Grund, wie Schorn, Plöckinger und andere intern immer wieder betonten, dass der Verein offiziell überparteilich agieren musste. Zwar war Schorn noch bis Mitte der sechziger Jahre SPD- Mitglied, aber er wie die meisten anderen waren Anhänger der CDU/CSU. Öffentliche Erklärungen, etwa für Franz Josef Strauß, unterblieben bis Mitte der sechziger Jahre, obwohl sie dessen Politik präferierten.

Bis zum Mauerbau 1961 beschränkte sich die Tätigkeit der Vereinigung auf die Organisation und Durchrührung öffentlicher Veranstaltungen. Gemeinsam mit anderen Verbänden (VOS, NTS, Kameradschaftskreis ehemaliger Bautzener, Arbeitsgemeinschaft demokratischer Kreis) hatte die Vereinigung eine »Kampfgemeinschaft Freiheitlicher Organisationen« gebildet,285 die Kundgebungen und andere Veranstaltungen organisierte. Nach dem Mauerbau öffnete sich die Vereinigung prinzipiell für alle, die aktiv gegen den Kommunismus auftraten. Dazu gehörten auch Aktionen, die sich gegen die Mauer und die innerdeutschen Sperranlagen richteten. Eine Teilnahme am »17. Juni« war kein Aufnahmekriterium mehr. Das hatte sich ohnehin längst verschlissen, weil ja nur eine Minderheit der Mitglieder am Volksaufstand beteiligt gewesen war.

Die Vereinigung verlegte ihr Engagement nach 1961 auf mehrere Felder. Sie erstellte Listen von SED-Mitgliedern in West-Berlin und solchen Personen, die angeblich mit der

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283 BStU, MfS, ZAIG 21070.
284 Mitgliederkartei der Vereinigung, 15. April 1964; BStU, MfS, ZAIG 10799, El. 111-125.
285 Einschätzung »Kampfgemeinschaft freiheitlicher Organisationen«, 1960; BStU, MfS, AU 721/60, Bd. la»Bl. 45-53.

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SED in West-Berlin sympathisieren.286 Diese Aufstellungen dienten für eventuelle Kampagnen gegen kommunistische Unterminierungsbestrebungen in West-Berlin. Zugleich hoffte die Vereinigung, diese Liste nach dem Systemsturz in der DDR für sofortige Verhaftungen vorlegen zu können. Mit der Aufstellung dieser Listen ist 1962 begonnen worden, wobei als Hauptquelle die in West-Berlin verlegte kommunistische Tageszeitung »Die Wahrheit« diente. Carl-Wolfgang Holzapfel hat darauf hingewiesen, dass diese Arbeit eine Reaktion auf die Veröffentlichung von Namen und Adressen von führenden Vereinigungsmitgliedern (des Vorsitzenden Friedrich Schorn, des 2. Vorsitzenden Manfred Plöckinger und des Geschäftsführers Hans-Joachim Kleinen) in SED-Tageszeitungen war.287

Daneben stellte die Vereinigung Flugblätter her und verteilte sie. Eine Vielzahl davon gelangte auch in die DDR Die Flugschriften richteten sich gegen das Ulbricht-Regime, forderten die Freilassung politischer Häftlinge (z. B. Harry Seidel, Carl-Wolfgang Holzapfel) oder verlangten den Abbau der Mauer. Die Vereinigung engagierte sich für die Aufwertung des bundesdeutschen Feiertages »17. Juni« und schlug zudem vor, künftig den 17. Juni »zum allgemeinen Wahltag für die Landtags- und Bundestagswahlen zu erklären«288. So nachvollziehbar das Anliegen war, den »17. Juni« aufzuwerten, so unvereinbar mit demokratischen und verfassungsrechtlichen Grundsätzen war der Vorschlag, einen einzigen Tag zum »Wahltag« zu küren. Hier kommt durchaus das exemplarische Verlangen maßgeblicher Vereinigungsmitglieder zum Tragen, den antikommunistischen Kampf unter allen Umständen, selbst unter der Preisgabe demokratischer Grundprinzipien, zu führen.

Auch gegen die Passierscheinabkommen, beginnend 1962/63, polemisierte die Vereinigung,289 die strikt jede Verständigungsbereitschaft mit den machtausübenden Kommunisten im Osten ablehnte.290 In einer Resolution, die die Mitgliederversammlung der Vereinigung 1965 verabschiedete, hieß es:

»Die Menschlichkeit fordert Freizügigkeit schlechthin. Wir gestatten den Zonenbehörden keineswegs, Passierscheine zu fertigen zum Betreten der eigenen Heimat, zum Besuch engster Familienmitglieder. Wir geben

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286 BStU, MfS, ZAIG 10799, Bl. 126-130.
287 Vgl. Holzapfel: Vom Kampfverband zum historischen Vermächtnis (Anm. 273), S. 121. Siehe einen solchen Beitrag, in dem Namen und Adressen genannt wurden, der aber erst vom März 1963 stammte; Die Brandstifter laufen frei herum. In: BZ am Abend v. 20. März 1963.
288 Vereinigung 17. Juni 1953, gez. Friedrich Schorn, Manfred Plöckinger, Carl-Wolfgang Holzapfel, Resolution v. 23. Februar 1968; BStU, MfS, AFO 292/82, Bd. 2, Bl. 461.
289 Z. B. Vereinigung 17. Juni 1953, Manfred Plöckinger, Rundbrief v. 8. Mai 1968; ebenda, Bl. 404 f.
290 Zu den Passierscheinabkommen siehe u. a. Alisch, Steffen: Berlin-Berlin. Die Verhandlungen zwischen Beauftragten des Berliner Senats und Vertretern der DDR-Regierung zu Reise- und humanitären Fragen 1961-1972. (Arbeitspapiere des Forschungsverbundes SED-Staat; 31). Berlin 2000; Kunze, Gerhard: Grenzerfahrungen. Kontakte und Verhandlungen zwischen dem Land Berlin und der DDR 1949-1989. Berlin 1999; Lemke, Michael: Die Berlinkrise 1958 bis 1963. Interessen und Handlungsspielräume im Ost-West-Konflikt. Berlin 1995.

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keine Unterschrift einem Papier, das den Begriff »Hauptstadt der DDR« aufweist, da es weder eine Deutsche Demokratische Republik, infolge dessen auch keine Hauptstadt dessen in Mitteldeutschland gibt. Wir sehen in derartigen Abkommen eine von dem Sowjetbürger Ulbricht leise geöffnete Hintertür, sein Zwangsregime zu legalisieren.«291

Schorn gab allen Vereinsmitgliedern den dringenden Rat, die Möglichkeiten des Passierscheinabkommens nicht zu nutzen, da die akute Gefahr bestehe, dass sofortige Verhaftungen durch das MfS erfolgen. Denn diesem lägen genaue Mitgliederlisten vor, 292 was tatsächlich stimmte. Die politischen Kräfte, die in der Bundesrepublik für Verständigung, Entspannung und Gesprächsbereitschaft eintraten, sind von der Vereinigung scharf angegriffen worden. Intern äußerte Schorn, »dass sich der Senat, mit Brandt an der Spitze, in die Hände des Ostens gegeben hat. Wenn die Entwicklung so weitergeht wie in den letzten Monaten, so dürfte der Tag nicht fern sein, wo der Senat auf Drängen der Kommunisten unsere Vereinigung verbieten wird.« 293 Dazu kam es nicht. Schorn mahnte zu maßvollen Aktionen und Stellungnahmen in der Öffentlichkeit, damit die finanziellen Zuschüsse durch den Senat nicht gestoppt würden. Als Senatsangestellter war Schorn übrigens, der so scharf gegen die Verständigungspolitik auftrat, aufwestberliner Seite an der organisatorischen Durchrührung des Grenzverkehrs an der Jahreswende 1963/64 beteiligt, aufseiten der DDR übrigens ebenso der Offizier im besonderen Einsatz Harry Schlesing.

Zwischen 1962 und 1965 gingen auf das Konto der Vereinigung mehrere Anschläge auf kommunistische Einrichtungen und Personen in West-Berlin. Ob tatsächlich alle Unternehmungen, die das MfS der Vereinigung zuschrieb, von dieser ausgeführt worden sind, lässt sich nicht zweifelsfrei belegen. Die innere Struktur der Vereinigung war ab 1962 jedenfalls so ausgerichtet, dass Anschläge auf Sachen und Personen konspirativ von der Vereinigung vorgenommen werden konnten. Drei auch intern abgeschirmte Einsatzgruppen, die nur aus den zuverlässigsten Mitgliedern bestanden, waren für »besondere Einsätze« zuständig. Am Zellensystem orientiert, kannte nur eine kleine Führungsgruppe um Schorn und Plöckinger die Mitglieder dieser Einsatzgruppen. Diese wurden erst kurz vor dem Einsatz über ihre bevorstehende Aufgabe informiert, sodass kaum die Gefahr bestand, dass die Aktion vorher bekannt werden würde. Mehrere Anschläge auf SED-Kreisbüros in West-Berlin im Juli, September und Oktober 1962 führten Mitglieder im Auftrag der Vereinigung durch. Sie zerstörten Scheiben, warfen Brandsätze, verwüsteten die Einrichtungen und schrieben Losungen gegen die SED an die Häuserwände. Im Umfeld dieser Aktionen verteilten sie Flugblät-

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291 Beschluss der Mitgliederversammlung vom 7. Mai 1965, unterzeichnet von Friedrich Schorn und Manfred Plöckinger; BStU, Mf5, AFO 292/82, Bd. 2, Bl. 354.
292 Ebenda, Bl. 373.
293 Ebenda, Bl. 183.

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ter, mit denen sie gegen die SED Stimmung machen wollten. Wie schon 1958 haben sie auch im November 1962 eine SED-Delegiertenkonferenz gestört und eine Prügelei mit SED-Anhängern entfacht. Im Oktober 1962 und im März 1963 haben Mitglieder der Vereinigung zwei Anschläge auf das Büro des sowjetischen Reiseunternehmens »Intourist« durchgeführt. Beim zweiten Anschlag kam eine Zeitzünderbombe zum Einsatz. Erheblicher Sachschaden war die Folge. Auch Anschläge gegen die Deutsche Reichsbahn in West-Berlin, die der DDR gehörte, sind der Vereinigung vom MfS zugerechnet worden. Mit den insgesamt sieben Sprengstoffanschlägen hingegen, die am 30. Dezember 1962, am 17. Juni 1963 und am 30. Juni 1963 in Ost-Berlin in der Nähe des ZK-Gebäudes, am Zentralhaus der DSF, am Präsidium der Volkspolizei, am Roten Rathaus oder am Gerichtsgebäude in der Littenstraße geplant und zum Teil durchgerührt worden sind,294 hatte die Vereinigung direkt nichts zu tun. Ihr Aktionsgebiet lag in West-Berlin und an der Mauer. Zu den Anschlägen am 30. Dezember 1962 und am 17. Juni 1963 hatte sich eine Gruppe »Peter Fechter« bekannt.295 Diesen Namen trug auch die Jugendorganisation der Vereinigung. Ob eventuell ein Zusammenhang bestand, blieb ungewiss. Wahrscheinlich nicht, zumal sich die Jugendgruppe der Vereinigung offenbar erst später gebildet hatte.

Die letzte Aufsehen erregende Aktion fand am 12. Oktober 1965 statt, als Vereinigungsmitglieder den Tschaika der beiden sowjetischen Kosmonauten Pavel Beljaew und Alexej Leonow, die auf einer von der kommunistischen DSF organisierten Veranstaltung in West-Berlin weilten, mit roter Farbe übergossen. Diese Aktion rief auch die Westberliner Polizei auf den Plan, die bislang dem Treiben der Vereinigung eher tatenlos zugeschaut hatte und die Vereinigung nach Schorns Angaben sogar unterstützt hatte. Er behauptete, nach einer Verhaftung bei einer Aktion solle das betreffende Mitglied lediglich seinen Vereinsausweis vorzeigen und verlangen, mit der politischen Abteilung der Polizei Kontakt zu erhalten. Dort würde »man« Bescheid wissen und die Angelegenheit regeln.

Nach der »Kosmonauten-Aktion« jedenfalls verlegte sich die Vereinigung zunehmend nur noch auf öffentliche Demonstrativhandlungen. Immer wieder verteilte die Vereinigung Protestflugblätter, versuchte sie auch in die DDR einzuschmuggeln und demonstrierte mit vielfältigen Aktionen permanent gegen die Mauer und die innerdeutsche Grenze.

In West-Berlin zählte die Vereinigung zum rechten politischen Spektrum. Sie wandte sich fast gleichermaßen scharf gegen die Studentenbewegung 1967/68 (u. a. 1968 Überfall auf ein Büro des SDS in West-Berlin, den Plöckinger organisiert hatte) wie gegen das SED-Regime. Offenbar enttäuscht von den politischen Parteien der Bundesrepublik, die im Bundestag vertreten waren, wandten sich mehrere einflussreiche Vereinigungsmitglie-

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294 BStU, MfS, HA H 5018.
295 Nacht-Depesche v. 31. Dezember 1962; Kurier v. 31.12.1962; Bild v. 19.6.1963.

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der dem rechtsextremen Spektrum zu. Sie arbeiteten mit Verlagen und Organisationen vom rechtsextremen Rand zusammen, referierten auf solchen Veranstaltungen, und einige traten auch der am 28. November 1964 gegründeten NPD bei.296 Das war eine Entwicklung, die insbesondere in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre einsetzte. Für die kommunistische Propaganda kam diese Entwicklung wie gerufen, konnte sie doch eine »direkte« Linie von der Waffen-SS über den »faschistischen Putsch am 17. Juni 1953« zur NPD ziehen, für die sie vor allem die Person von Friedrich Schorn benutzte. Er sympathisierte wie andere Mitglieder offen mit der NPD, eine Reihe weiterer Führungsmitglieder der Vereinigung wie zum Beispiel Manfred Plöckinger, Hans-Joachim Kleinert und Carl-Wolfgang Holzapfel wurden Mitglied der NPD. Den Ausschlag für diese Entwicklung gab nicht zuletzt die nationale Rhetorik der NPD. Mit Geist und Anliegen des Volksaufstandes hatte das nichts mehr zu tun und schadete ihm noch nachträglich erheblich.

Seit 1967 arbeitete auch Berthold Rubin (1911-1990) als Mitglied eng mit der Vereinigung zusammen. Er war für Führungspositionen vorgesehen und wurde 1970 l. Hauptvorsitzender. Rubin arbeitete als Universitätsprofessor für Byzantinistik an der Universität Köln. Er galt seit Anfang der sechziger Jahre als »Vordenker« rechtsextremer und neonazistischer Gruppierungen. Rubin trat als Festredner bei der NPD-Gründungsveranstaltung in Hannover auf, schrieb in deren Periodika und gründete selbst 1968 die rechtsextreme »Aktion Deutscher Osten«, bei der er auch als Vorsitzender füngierte. Rubin propagierte ein »Viertes Reich« und lehnte die Verhältnisse in der Bundesrepublik radikai ab.297 Mit vielen ungewöhnlichen Aktionen lenkte der Professor immer wieder das öffentliche Interesse aufseine Person. 1962 nahmen ihn die DDR-Grenztruppen fest, weil »er mit Hammer und Meißel die Grenzsicherungsanlagen in Berlin beschädigen wollte«298. Zwei Jahre später protestierte er am 13. August in den USA gegen die Berliner Mauer mit 17 Fallschirmsprüngen.299 Die spektakulärste Aktion führte der »politische Räuberhauptmann«300 im April 1971 durch, als er mit drei Komplizen seine eigene Entführung vortäuschte. Er wollte die Landtagswahlen am 25. April 1971 in Schleswig-Holstein zugunsten der CDU beeinflussen. Er plante, so auf die terroristischen Aktionen der Baader-Meinhof-Gruppe aufmerksam zu machen. Ein fingierter Brief, der

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296 Zur NPD vgl. die frühen Studien von Niethammer, Lutz: Angepasster Faschismus. Politische Praxis der NPD. Frankfurt/M. 1969; Maier, Hans; Bott, Hermann: Die NPD. Struktur und Ideologie einer »nationalen Rechtspartei«. 2. Aufl., München 1968; Schmollinger, Horst W.: Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands. In: Stöss, Richard (Hg.): Parteien-Handbuch. Die Parteien der Bundesrepublik Deutschland 1945-1980. Bd. II, Opiaden 1984, S. 1922-1994.
297 Vgl. Hertel, Gerhard: Die DVU – Gefahr von Rechtsaußen (aktuelle analysen; 12, hg. von der Hanns- Seidel-Stiftung). München 1998, S. 9.
298 Auskunftsbericht, 17. März 1972; BStU, MfS, ZKG 1261, Bl. 14.
299 Vgl. z. B. die Berichte in: Akon. Beste Gesellschaft. In: Der Spiegel 24/1967, S. 62-65; Rubin. Tirili tirila. In:ebenda 24/1968,S.60.
300 Rubin-Hood. In: Berliner Stimme v. 19.6.1971.

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durch die Medien der Bundesrepublik ging, täuschte einen linksradikalen Hintergrund der Entführung Rubins vor. Im November 1973 ist Berthold Rubin deswegen zu einer sechsmonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Einer seiner Helfer, Manfred Plöckinger, erhielt zwei Monate auf Bewährung.301 Beide zählten bis zu ihrem Tod zu den Repräsentanten der »Vereinigung 17. Juni«.

Wie stark die Vereinigung in neofaschistisches und rechtsextremes Fahrwasser geraten war, zeigte sich auch im April 1973. Eine Linienmaschine von Stuttgart nach Berlin sollte angeblich von neun Männern und einer Frau nach Moskau entführt werden, um die Freilassung von Rudolf Heß, der in Berlin-Spandau in einer Haftanstalt der Alliierten einsaß, freizupressen.302 Die »rechtsradikale Gruppe«303 soll 18 Kilogramm Sprengstoff besessen haben, der im Falle des Misslingens notfalls eingesetzt werden sollte. Laut Zeitungsberichten ist es dazu nicht gekommen, weil ein Mitglied dieser Gruppe, der Funktionär der Vereinigung Carl-Wolfgang Holzapfel (geb. 1944), einen Sprengstoffanschlag ablehnte und deshalb den Plan der Polizei meldete. Er ist nach einem kurzen Aufenthalt in einer Untersuchungshaftanstalt wieder auf freien Fuß gesetzt worden, weil er das geplante Verbrechen freiwillig aufgab (§ 49a StGB).304 Später ist Holzapfel wegen Vortäuschung einer Straftat zu einer Geldstrafe verurteilt worden, weil es die Gruppe offenbar gar nicht gegeben und er wahrscheinlich allein diesen Plan entwickelt hatte.305 Das hielt Holzapfel nicht davon ab, wenige Monate später vor dem Spandauer Gefängnis mit seinem Vater zu erscheinen, um sich aus Protest gegen die andauernde Inhaftierung des einstigen Hitler-Stellvertreters selbst zu verbrennen. Zwei mitgeführte Benzinkanister unterstrichen seine Absicht.306 Sein Vater alarmierte die Polizei, die das Vorhaben verhinderte. Bei seiner Festnahme beleidigte er einen Polizisten »Gestapo-Methoden« und ist dafür erneut zu einer Geldstrafe, ersatzweise 15 Tage Ordnungshaft, verurteilt worden. Bei der Gerichtsverhandlung trug er eine Plakette, auf der stand: »Lasst Heß frei!«307 Holzapfel wusste sich mit seinen Aktionen für Rudolf Heß nicht allein. Berthold Rubin publizierte im Januar 1979 einen Artikel, der den Titel trug: »Das Verbrechen an Rudolf Heß. Wenn sich Rachsucht mit Dummheit paart«.308

Rubin wird noch heute, obwohl längst verstorben, von der Vereinigung als Beiratsmitglied angegeben.309 Neben Rubin firmieren auch als Beiratsmitglieder Emil Schlee,

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301 SZ v. 10.11.1973.
302 Ebenda v. 24.4.1973; Welt am Sonntag v. 22.4.1973; Die Welt v. 24.4.1973; BZ v. 24.4.1973.
303 FAZ v. 24.4.1973.
304 Berliner Morgenpost v. 27.4.1973; ebenda v. 26.4.1973; ebenda v. 25.4.1973; Die Welt v. 26.4.1973; Stuttgarter Zeitung v. 26.4.1973.
305 Die Welt v. 4.10.1976.
306 Berliner Morgenpost v. 26.9.1976; BZ v. 27.9.1976
307 Bild-Zeitung v. 13.10.1977.
308 In: National-Zeitung v. 12.1.1979, S. 3.
309 Siehe die Homepage der Vereinigung (www.17juni1953.de); Holzapfel (Hg.): 50 Jahre »17. Juni 1953« (Anm. 263), S. 7 (Fußzeile).

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der 1987 bis 1992 Mitglied der »Republikaner« war, verschiedene rechtsextreme »Sammelbewegungen« initiierte, viele rechtsextreme Pamphlete verfasst und mit unterzeichnet hat sowie als Redner bei entsprechenden Veranstaltungen auftrat, und Horst Rudolf Übelacker, der der Bundesvorsitzende des »Witikobundes«310 ist. Auch der frühere Berliner Innensenator Heinrich Lummer, für seine moderate Haltung gegenüber rechtsextremen Organisationen und Haltungen bekannt, ist Beiratsmitglied.311 Wie wenig die Verbindungen der Vereinigung und ihr ideologischer Hintergrund bekannt sind, zeigt der Umstand, dass auch die beiden Politiker und früheren DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Ullmann und Rainer Eppelmann als Beiratsmitglieder firmierten. Sie legten dieses Amt nieder, als ihnen die Hintergründe der Vereinigung bekannt wurden. Sie waren nicht die Einzigen, die mit der Vereinigung zusammenarbeiteten und sich täuschen ließen. Im Sommer 2003 gab Carl-Wolfgang Holzapfel eine Broschüre heraus, in der unter anderen Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der Regierende Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, der frühere Regierende Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen, der stellvertretende CDU/CSU-Bundestagsfraktionsvorsitzende Arnold Vaatz, Bundesministerin a. D. Christine Bergmann, Bundesminister a. D. Edzard Schmidt-Jortzig, die Bundestagsfraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Katrin Göring-Eckardt und der PDS-Politiker Roland Claus mit eigenen Beiträgen zu Wort kamen.

In einem Interview, das die »Junge Freiheit« im Juni 2003 mit Carl Wolfgang Holzapfel führte, zog der geschäftsfiihrende Vorsitzende der »Vereinigung« Bilanz. Diese fiel bitter aus. Holzapfel kritisierte, dass der »17. Juni« jahrzehntelang politisch instrumentalisiert worden sei – außer von den Aufständischen selbst und ihren Verbänden, zu denen vor allem die »Vereinigung« zu rechnen sei. Vom Journalisten befragt: »Schließlich musste Ihr Verband sogar die Verteufelung als »rechtsradikal« erdulden?« gab Holzapfel zu Protokoll:

»Das Engagement gegen den Kommunismus und für die Einheit und Freiheit Deutschlands machte aus den »17ern«, zunächst noch als »Helden der Freiheit« gefeiert, im Sprachgebrauch sogar der etablierten Parteien und Medien erst »Nationalisten«, dann »Rechtsradikale« und schließlich »Rechtsextremisten«. Dabei haben wir unsere Positionen nie verändert! Und obwohl die Geschichte uns inzwischen mit dem Ende des Kommunismus und der Wiedervereinigung bestätigt und so verhindert hat, dass wir endgültig in die Nazi-Ecke abgeschoben werden konnten, werden wir

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310 Siehe zu dieser Organisation Bundestagsdrucksache 14/7865.
311 Zur Verbindung Plöckinger – Lummer siehe z. B.: Natürlich abgeschmiert. Verwicklung in die Berliner Korruptionsaffäre, dubiose Kontakte zu Rechtsradikalen im In- und Ausland – drei Zeugen belasten den Berliner Innensenator Lummer mit eidesstattlichen Erklärungen. In: Der Spiegel 14/1986; »Häufiger Geld aus diesen Quellen«. Die Beziehungen des Christdemokraten Lummer zur rechtsextremen Szene. In: ebenda 15/1986.

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selbst heute noch zum Beispiel im Internet durch die Antifa in bester SED-Manier als Neofaschisten diffamiert. Und der Rechtsstaat schaut zu, verweigert wieder jenen den Schutz, die für diesen Rechtsstaat ihre Haut zu Markte getragen haben.«312

Diese Äußerung stellt nicht nur einen exemplarischen Ausdruck dar, wie die »17er« pauschal auch von dieser Seite vereinnahmt worden sind. Zugleich verallgemeinert Carl-Wolfgang Holzapfel die Vorwürfe, die gegen seine Gruppe erhoben und in dieser Analyse belegt worden sind, unzulässig und behauptet, sie habe generell »17er« treffen sollen. Was auf einige Vertreter der »Vereinigung« zutraf, nämlich in rechtsextremes Fahrwasser geraten zu sein, traf auf »17er« nur in ganz seltenen Ausnahmefällen zu» Die meisten hatten mit solchen Entwicklungen nicht nur nichts zu tun, sondern distanzierten sich davon auch, sodass die »Vereinigung« nur eine kleine Gruppe repräsentierte, wobei sich darunter ab der zweiten Hälfte der sechziger Jahre kaum ein aktiver Aufstandsteilnehmer befand. Deren Interessensvertretung nahm mittlerweile die »Arbeitsgemeinschaft 17. Juni« um Werner Herbig wahr, die sich Mitte der sechziger Jahre im Gegensatz zur »Vereinigung« nicht als »Kampforgan«, sondern als »Interessengemeinschaft« gegründet hatte.

Die internen Probleme, die das Komitee in seiner kurzen Existenz geplagt hatten, begleiteten auch die Geschichte der Vereinigung. Missgunst und Neid, charakterliche Schwächen und Kämpfe um Einfluss bestimmten immer wieder die streng geheimen Debatten. Der gegenseitige Argwohn und die wechselseitigen Bezichtigungen, für das MfS zu arbeiten, behinderten die internen Geschäftsabläufe. Die Vereinigung war antikommunistischen Kampfmitteln treu geblieben, wie sie in den fünfziger Jahren häufig üblich waren. Sie war ein »Kampfverband«.313 Nach dem Mauerbau war diese Art des gelebten Antikommunismus nicht nur anachronistisch geworden, sondern drängte seine Protagonisten auch immer stärker an den Rand der Gesellschaft. Die politischen Anliegen der Vereinigung kamen kaum noch zum Tragen. Ehemalige Aufstandsteilnehmer spielten innerhalb der Vereinigung nach dem Mauerbau eine noch geringere Rolle als ohnehin zuvor. Das offene Zusammengehen mit Rechtsextremisten schadete nicht nur erheblich der Rezeption des »17. Juni« in der bundesdeutschen Öffentlichkeit. Die Vereinigung selbst kam immer stärker in einen zweifelhaften Ruf, sodass ihr auch zunehmend moralische, politische und vor allem finanzielle Unterstützung von demokratischen Gruppen, Institutionen, Parteien und Einzelpersönlichkeiten entzogen worden ist. Das war ein Wechselspiel. Die Vereinigung zeigte sich enttäuscht über die

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312 »Wir sind die nützlichen Idioten«. Interview mit Carl-Wolfgang Holzapfel von Moritz Schwarz. In: Junge Freiheit v. 27.6.2003.
313 So auch jüngst der langjährige Aktivist der Vereinigung, Carl-Wolfgang Holzapfel, vg). Holzapfel; Vom Kampfverband zum historischen Vermächtnis (Anm. 273), S. 118.

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Entwicklung der bundesdeutschen Realpolitik gegenüber der DDR nach dem Mauerbau, setzte deshalb zunehmend auf zweifelhafte Unternehmungen, was ihr wiederum mit dem Entzug von Unterstützung vergolten wurde. Sie schien ein politischer Fremdkörper, der kaum noch störte, aber zunehmend abstieß. Die »Affäre Rubin« erwies sich dabei nur als ein markanter Höhepunkt eines raschen Paradigmenwechsels.314

Vereinigungsmitglieder behaupten, die Hinwendung zu rechtsextremen Parteien und Organisationen erfolgte erst Anfang der siebziger Jahre, nachdem ein Versuch, an dem sich die Vereinigung beteiligte, gescheitert war, die CSU über das gesamte Bundesgebiet auszudehnen.315 Das ist nicht korrekt. Seit Beginn der sechziger Jahre, nach dem Mauerbau, lehnte sich die Vereinigung immer enger an ultrarechte, von ihr als national oder patriotisch eingestufte Gruppen und Verbände an. Vielfältige gemeinsame Aktionen zeugen davon. Das blieb auch in den siebziger und achtziger Jahren so. Gleichwohl arbeitete die Vereinigung auch mit anderen Parteien, vor allem der CDU und noch stärker der CSU, und anderen Verbänden eng zusammen. Allerdings zeigten sich die meisten Vereinigungsmitglieder von der Realpolitik der im Bundestag vertretenen Parteien immer mehr enttäuscht und wandten sich ab. Plöckinger schrieb im Oktober 1975 namens einer »Aktionsgemeinschaft 17. Juni« einen Aufruf »An alle Patrioten in Berlin«. Darin hieß es:

»Von den gegenwärtig etablierten Parteien, einschließlich CDU und CSU, ist die Lösung des Verfassungsauftrags nicht mehr zu erwarten. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass es sich bei diesen Parteien um Organe des Jahres 1945, also der totalen Bodenlage Deutschlands, handelt. Aus einer Zeit also, wo einzig der Wille der Siegermächte galt. Um die anstehenden Probleme jedoch zu lösen, muss die Gegenwart bewältigt und damit die Zukunft eingeleitet werden. Dazu bedarf es einer unbelasteten neuen Kraft, nämlich einer deutschen Partei des Jahres 1975!«316

Vor allem die Ost- und Deutschlandpolitik von Bundesregierung und Teilen der Opposition stieß bei den Protagonisten dieser neuen Bewegungen auf harsche Ablehnung. Sie waren deshalb an der Gründung neuer, kurzlebiger Parteien wie dem »Bund Freies Deutschland« (BFD) oder der »Freien Republikanischen Partei« (FRF) beteiligt. Plöckinger hatte sich zuvor auch in der »Nationalliberalen Aktion« (NLA) betätigt.«317 Sie hofften, ihren politischen Forderungen mit solchen eher Sammlungsbewegungen als

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314 Siehe aber die Selbstdarstellung und die Geschichte der Aktionen; ebenda, S. 118-141.
315 Vgl. dazu knapp Stöss, Richard: Die Aktionsgemeinschaft Vierte Partei. In: Ders. (Hg.): Parteien-Handbuch. Die Parteien der Bundesrepublik Deutschland 1945-1980. Bd. I, Opiaden 1983, S. 339 f.316 Plöckinger, Manfred: An alle Patrioten in Berlin, Oktober 1975. In: Freiheit. Organ des Bundes Sät deutsche Wiedervereinigung 1976/3 (Kopie im Archiv der Verfasser).
317 Stöss: Die Aktionsgemeinschaft Vierte Partei (Anm. 315), S. 339.

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Parteien stärker Gehör verschaffen zu können. Diese Hoffnungen waren eingebettet in Versuche, eine »Vierte Partei« in der Bundesrepublik zu begründen.318 »Insbesondere die verhasste Entspannungspolitik bildete ein zentrales Angriffsziel aller »Vierten Parteien«.319 Am BFD waren viele frühere Sozialdemokraten, die mit der Politik der Bundesregierung nicht einverstanden waren, beteiligt. Dazu zählten zum Beispiel Ernst Scharnowski oder Fritz Schenk. Unterstützt wurde der BFD aber auch zeitweise von Gerhard Löwenthal, Matthias Waiden oder Axel Springer. Nationalistische Agitation war in den »Vierten Parteien« keine Randerscheinung. Sie scheuten sich nicht, »rechtsextremistische Kräfte aufzunehmen und mit hohen Funktionen zu betrauen«320. Insgesamt blieben sie aber taktisch bedingte Abspaltungen ihrer Mutterparteien, für die sie in Wahlkampfzeiten durchaus warben.321 Ende der siebziger Jahre versandete die »Aktion Vierte Partei«.

In dieser Zeit erschöpfte sich die Tätigkeit der Vereinigung weitgehend auf die alljährlichen Ehrungen der Opfer des »17. Juni«. Besonders engagierte sich die Vereinigung für die Sowjetsoldaten, die wegen Befehlsverweigerung am »17. Juni« angeblich hingerichtet worden seien.322 Am 1. Mai 1987 richtete die Vereinigung an Michail Gorbatschow ein Schreiben und bat den KPdSU-Generalsekretär, diese hingerichteten sowjetischen Soldaten, die »Helden der Menschlichkeit« zu rehabilitieren.323 Die Tätigkeit lastete auf wenigen Schultern. Seit Anfang der siebziger Jahre repräsentierten vor allem Carl-Wolfgang Holzapfel und Manfred Plöckinger die Vereinigung, von ihnen gingen auch die meisten Impulse für Aktionen und Initiativen aus. Die Vereinigung war eine sehr kleine Organisation geworden, die weder die Teilnehmer am Volksaufstand repräsentieren noch auf größeren politischen oder gesellschaftlichen Einfluss verweisen konnte. Nach der Wiedervereinigung reaktivierte die Vereinigung ihre Arbeit und legte mehrere Vorschläge zum Umgang mit dem »17. Juni« vor, ohne dass sie eine nennenswerte Breitenwirkung zu erzielen vermochte. In einer Satzungsänderung 1991 »verabschiedet sie sich vom bisherigen Verständnis als »Kampfverband«, wie Holzapfel schrieb, »und beschließt die historische Sachwaltung über die Opfer des Volksaufstandes und die Erinnerung an einen großen Tag in der deutschen und europäischen Freiheitsgeschichte.«324 Diesem Satzungsziel versucht die Vereinigung seither im Verbund mit anderen Aufarbeitungs- und Opferverbänden gerecht zu werden.325

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318 Vgl. dazu ebenda, S. 336-366.
319 Ebenda, S. 355.
320 Ebenda, S. 357.
321 Lediglich der BFD erzielte bei den Berliner Landtagswahlen 1975 mit 3,4 °/o der Stimmen einen Achtungserfolg (ebenda, S. 358). Der BFD löste sich 1977 als Partei auf, trat aber anschließend noch mehrfach als Bewegung in Erscheinung. Die anderen Parteien erlitten bei Wahlbeteiligungen schmähliche Niederlagen.
322 Vgl. dazu im vorliegenden Band S. 705 u. 724 f.
323 Ein Faksimile des Briefs in: Holzapfel (Hg.): 50 Jahre »17. Juni 1953« (Anm.’263), S. 70 f.
324 Ders.: Vom Kampfverband zum historischen Vermächtnis (Anm. 273), S. 137.
325 Vgl. neben Holzapfel (Hg.): 50 Jahre »17. Juni 1953« (Anm. 263), auch Ders. (Hg.): Auf, Europa, zur Freiheit. 40 Jahre »17. Juni«. Berlin 1993.

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Die verdrängte Revolution, S. 561-575, Original

Korrekturzettel – Errata

zum Buch “Die verdrängte Revolution, Der Platz des 17.Juni 1953 in der deutschen Geschichte” von Bernd Eisenfeld, Ilko-Sascha Kowalczuk, Ehrhart Neubert, Verlag: Edition Temmen, 1. Auflage 2004

Die Autoren danken Herrn Holzapfel für nachfolgende Hinweise:

Seite 570, 1.Absatz:

“Er sympathisierte wie andere Mitglieder offen mit der NPD, eine Reihe weiterer Führungsmitglieder der Vereinigung wie zum Beispiel Manfred Plöckinger, Hans-Joachim Kleinert und Carl-Wolfgang Holzapfel wurden Mitglied der NPD”.Die Autoren stellen richtig: Herr Carl-Wolfgang Holzapfel war nie Mitglied der NPD.

Seite 571, 2.Absatz:

“Später ist Holzapfel wegen Vortäuschung einer Straftat zu einer Geldstrafe verurteilt worden, weil es die Gruppe offenbar gar nicht gegeben und er wahrscheinlich allein diesen Plan entwickelt hatte”.Die Autoren stellen richtig: Herr Holzapfel ist in dieser Sache weder zu einer Geldstrafe noch anderweitig verurteilt worden.

Seite 572, 1. Absatz:

“Wie wenig die Vereinigung und ihr ideologischer Hintergrund bekannt sind, zeigt der Umstand, dass auch die beiden Politiker und früheren DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Ullmann und Rainer Eppelmann als Beiratsmitglieder firmierten. Sie legten dieses Amt nieder, als ihnen die Hintergründe der Vereinigung bekannt wurden”. Die Autoren stellen richtig: Der zwischenzeitlich verstorbene Herr Ullmann hatte seinen Rücktritt gegenüber einem der Autoren angekündigt. Dem Verein ist eine Rücktrittserklärung aber nicht zugegangen.

Seite 572, 1. Absatz:

“Sie waren nicht die Einzigen, die mit der Vereinigung zusammenarbeiteten und sich täuschen ließen”. Die Autoren stellen richtig: Damit ist nicht gemeint, dass diese Personen von der Vereinigung getäuscht wurden. Nach Ansicht der Autoren beteiligten sich diese Personen an der Herausgabe der Schrift, weil sie die politische Ausrichtung der Vereinigung 17. Juni unzutreffend eingeschätzt haben.

Hinweis: Es handelt sich bei dem vorliegenden Dokument um eine übereinstimmende Abschrift des Originals.

Quelle: http://www.17juni1953.de/korerata.htm (nicht mehr auffindbar)

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